PUNKROCK – WACHKOMAPATIENT ZWEI NULL NULL SIEBEN (Auszug)

Und ich stehe da, halte mich stocksteif an meinem Bier fest und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass der ganze Humbug endlich ein Ende haben möge.
Dass all die alten Säcke,
die uns
und mir
und euch
den Lauf der Welt erklären wollen,
samt ihren Erinnerungsbüchern
und Filmen
und Diplomarbeiten
endlich wegsterben mögen.
Und mit ihnen das komplette Force-Attack-Pack – diese Närrinnen und Narrhalesen, die sich von Butterfahrtsteilnehmern und Kegelbrüdern nur noch durch die Heckaufkleber ihrer VW-Polo unterscheiden.
Folgen sollen ihnen die Legionen verblendeter Gecken, die nichts Besseres zu tun haben, als ihr Taschengeld für diesen Schwindel namens Merchandise auszugeben.
Und die, die den Nippes vertreiben, sowieso.
Nicht zu vergessen, die vielen Halbleichen da draußen, deren Venen, deren Lebern, deren Nieren schneller verwelken als die Vorkriegsjugend-Aufnäher auf ihren Kutten. Wer die Schabernack-Devise No Future im wahrsten Sinne des Wortes bierernst nimmt, freut sich wahrscheinlich ohnehin auf den Herzstillstand.
Herzlich verrecken dürfen auch die vorwitzigen Tausendsassas, die ständig die Lüge wiederkäuen, dass Punkrock einzig eine Frage der Einstellung sei und nichts aber auch gar nichts mit Mode zu tun habe.
Und mit ihnen der Nachwuchs von heute, der, wenn er bereits 1981 geschlechtsreif gewesen wäre, konsequenterweise sein Herz an Peter Kraus und Conny Froboess hätte verlieren müssen.
Sie alle sollen gepflegt zur Hölle fahren, wo sie sich dann gegenseitig die Abermilliarden Geschichten von Konzerten und Kotzwettbewerben, von Demos und Verhaftungen in die Ohren blasen, ihre kleingeistigen Streitigkeiten fortführen und bis ans Ende aller Tage ihre Nieten, Schrunden und Eiterbeulen vergleichen können, damit endlich die Ruhe eingekehrt, die ich dringend brauche, um meine Plattensammlung alphabetisch zu ordnen.
So denke ich. Und während mir der letzte Schluck die Kehle hinab rinnt, bete ich für nichts weniger als für einen Angriff der Luftwaffe, bis mir einfällt, dass ich der Erste bin, dem im Ernstfall das Licht ausgeblasen gehört.
Also reiße ich mich zusammen, hole mir ein neues Bier, bedenke die lokale Vorband mit einem gelangweilten Blick und mache weiter, als ob nichts gewesen wäre. Denn am Ende geht es doch nur um eins, am Ende geht es – trotz Eigentumswohnung und Playstation, trotz Laktose-Allergie und Blasenschwäche, trotz Zwangsneurose, trotz Kinderwunsch, trotz Badreiniger und Breitbild-TV und natürlich: auch mal ein bisschen Sport zwischendurch –,
nur um dies eine hier:
bloß nicht erwachsen werden.
Um Himmels Willen
BLOSS
NICHT
ERWACHSEN
WERDEN.
Darauf einen Kinderteller!
Venceremos!

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