NACKT UNTER WÖLFEN
Ein Armutszeugnis aus dem Hause Off
NEUES AUS DER KLAPPERBURG

Es gibt Heimsuchungen, die so hartnäckig sein können wie ein Husten nach 40 Jahren in der Feinstaub-Abteilung und in ihrer Peinlichkeit an Fotos gemahnen, die deine Mutter gemeinsam mit Flavio Briatore beim Analverkehr zeigen. Dazu gehört unzweifelhaft die Existenz zweier politischer Zusammenschlüsse, die sich in ihrer Scheuklappenmentalität ergänzen wie Arschhaar und Klabusterbeere. Die Rede ist – die Hilfsabiturienten unter euch haben es längst erraten – von den Antideutschen und ihrem Pedant den Antiimperialisten, also den beiden Teilen der „radikalen Linken“, die nicht nur Nazis und Staatsschutz schon seit Jahren kostenfreie Comedy liefern, sondern mir und uns und euch mit ihrem jeweiligen Anspruch, in jeder Lebenslage die absolute Wahrheit für sich gepachtet zu haben, den Besuch nicht weniger, zum Teil löblicher Veranstaltungen verleiden.
Nun war Hamburg, also die Stadt, die mir aktuell Obdach und Nahrung bietet, natürlich nie frei vom Treiben der beiden Narrenverbände. Bis vor kurzem hielt sich der Spuk allerdings in gerade noch zu akzeptierenden Grenzen. Dann aber, genauer am 13.12.2009 spielte sich an der Kreuzung Wohlwillstraße / Brigittenstraße dies hier ab: Auf der einen Seite grobgeschätzte 2-300 Menschen, die mit Israel-Fahnen und einem Wink-Element, das die Vereinigten Staaten von Amerika repräsentiert, gegen „antisemitische Schläger in der Linken“ demonstrieren. Auf der anderen Seite ein vergleichsweise kleiner Haufen, der sich um eine Palästina-Fähnlein geschart hat und den Völkern dieser Welt die linke Faust zum Gruße darbietet. Dazwischen ein antifaschistischer Schutzwall aus uniformierten Leibern und eine handvoll erfolgsverwöhnter Fußballfans, die in dieser mehr als grotesken Situation das einzig Richtige tun, indem sie immer wieder die Zeilen „Hier regiert nur einer. St. Pauli und sonst keiner“ skandieren.
Die Vorgeschichte dieser beschämenden Posse sei an dieser Stelle nur angerissen, schließlich standen die entsprechenden Details bereits in zahllosen nationalen wie internationalen Gazetten: Eine Gruppierung namens „Kritikmaximierung“ wollte im Hamburger Programmkino B-Movie einen Film mit dem Titel „Warum Israel“ auf die Leinwand bringen. Das missfiel nicht wenigen, der im benachbarten „Internationalen Zentrum B5“ beheimateten Mitbürger. Und so kam es zur Konfrontation, bei der ein mit Fahrradschlössern versperrtes Kino-Tor; ein nachgestellter Checkpoint der israelischen Streitkräfte, dessen „Besatzung“ sich mit Holzgewehren und aus Klopapier gefertigten Armeeabzeichen ausstaffiert hatte; sowie zahllose von jeglichem Realitätssinn befreite Geister eine Rolle spielten. Ob die selbsternannten Zensoren tatsächlich Quarzsandhandschuhe und ähnlich schweres Gerät bereithielten, ob wirklich die Ausdrücke „Judenschwein“ und „Schwuchtel“ gefallen sind (als Nazis werden sich – das sagt mir die Erfahrung – gewiss wieder alle beschimpft haben), kann ich nicht sagen, denn ich war an eben diesem Tage glücklicherweise mit Oliver Obnoxious beim Kinderturnen im Müttergenesungswerk.
Demgemäß kann ich auch die Frage nicht beantworten, welche der beiden Seiten zuerst und in welchem Maße handgreiflich geworden ist. Das aber ist für die Bewertung des Vorgangs auch gar nicht entscheidend. Denn wo religiöse Eiferer aufeinandertreffen, ist es früher oder später noch stets zu Gewalttätigkeiten gekommen. Und um religiöse Eiferer handelt es sich bei den Anhängern beider Konfliktparteien allemal. Das beweist nicht nur die Intensität mit der sie ihre Palitücher und IDF-Buttons verehren, sondern auch ihr striktes Schwarz-Weiß-Denken. Schwarz und Weiß aber ist die Welt nicht eingerichtet, auch wenn das den Beteiligten, die natürlich wie alle Wanderprediger einzig und immer „das Gute“ im Sinn haben, schön in den Kram passen würde, damit auch weiterhin bedenkenlos Auf-die-Fresse-Suppe ausgeteilt werden kann. Als ob die Frage, wie Israelis und Palästinenser endlich halbwegs gescheit miteinander leben können, dadurch gelöst werden würde, dass sich tausende Kilometer entfernt selbsternannte Heilsbringer gegenseitig an den Altar pissen. Schade um die Lebenszeit, schade um die Energie, möchte man meinen, weshalb ich allen Antiimps und Antideutschen hier und heute mit Turnvater Jahn zurufen möchte: „Geht lieber Bucheckern sammeln, ihr großen Geister, dann könnt ihr den Lieben daheim wenigstens mal ein zünftiges Glas Marmelade auf den Frühstückstisch stellen!“
Ach, und noch eins: Wer sich als „Punkrocker“ beim Anblick bewusst androgyn wirkender Jugendlicher derart in seinen Vorstellungen von Mode, Rebellion und Männlichkeit bedroht sieht, dass er sich das Lederjöppchen mit Anti-Emo-Logos verunzieren muss, der sammelt am besten gleich mit.
An den Rest: Glück auf!


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