GERMAN GEMÜTLICHKEIT (Auszug)

„Er stand also da, auf dieser Trittleiter, und putzte die Frontscheibe seines LKWs mit den eigenen Biertitten. Kannst du dir das vorstellen? Das ist noch Liebe zum Kraftfahrzeug, was?!.“ / „Alter, jetzt näherst du dich bald den dreißig.“ „Dreißig? Ich bin zweiundvierzig.“ „Ich rede von Überdosen, Sportsfreund.“ / „Einen nehm’ ich noch, dann hau ich ab. Ich muss noch zwei Pornos lesen.“ „Wie: Pornos lesen?“ „Na, lesen eben.“
Es sind genau diese sinnentleerten Sentenzen, die mich immer wieder hierher treiben, um gemeinsam mit den anderen an dem zu arbeiten, was sich im Amtsdeutsch „sozialverträgliches Frühableben“ nennt. Hier gibt es keine Erwartungshaltung, keinen Erfolgsdruck, nichts Feindliches, hier gibt es nur das nächste gefüllte Glas und das allseitige Verlangen, dem Tageslicht zu entfliehen. Die Menschen, die hier in Horstis Menopausen-Eck verkehren, eint vor allem eins: die Unfähigkeit, den Anforderungen des Alltags auch nur ein Minimum an Sinn abzugewinnen. Und seit Horsti, der Wirt uns in den neu geschaffenen Raucherraum verbannt hat, verbannen musste, sind wir noch enger zusammenrückt. Allein würden viele von uns ohnehin nicht überleben. Rico, zum Beispiel, den sie hier Vincent nennen, weil er seit ein paar Jahren mit nur noch einem Ohr auskommen muss. Er hatte sich im Vollrausch kratzen wollen und dabei vergessen, dass er noch eine laufende Flex in der Hand hielt. Vincent also darf man ohne Begleitschutz gar nicht auf die Straße lassen. Er ist mit einem Mitgefühl für all die Entrechteten und Vergessenen gestraft, das in seinen Ausmaßen nur als beängstigend bezeichnet werden kann. Seine Empathie geht so weit, dass er im Supermarkt stets das unansehnlichste Obst kauft. Es ist ihm einfach unmöglich, die angestoßene Nektarine oder die schwarz-verfärbte Banane ihrem trostlosen Schicksal als Abfallkandidat zu überlassen.
Ein ähnlicher Fall ist Afghanen-Siggi. Bevor er hier in der „Pause“ angedockt hat, war er derart vereinsamt, dass er – als er noch einen Lappen besaß – mit seinem Opel Astra tagelang ohne festes Ziel durch die Gegend fuhr. Dabei stets auf der Suche nach Gelegenheiten, anderen Verkehrsteilnehmern unverlangt die Vorfahrt oder eine ähnliche Gefälligkeit zu gewähren. Wenn sich daraufhin jemand per Handzeichen bedankte, kamen ihm vor Glück ob dieses menschlichen „Kontakts“ regelmäßig die Tränen. Hier weint er nur noch vor Freude, wenn Kasper mal wieder mit einer Plastiktüte voller Tranquilizer aus dem Besitz seiner Großmutter antanzt, oder Benni Amin im Vollsuff seine ganz persönliche Apokalypse zelebriert.
Auch jetzt steuert Benni bereits wieder auf einen seiner gefeierten rhetorischen Höhepunkte zu: „Und sehet, oh, meine Brüder im Fleische, die ihr in jeder Buhlerin einen Hafen besitzen möget: Es wird ein Trapperfieber übers Land hinweg ziehen, das da die Hirnschalen zerbrechen lässt wie Schiffszwieback unter dem Tritt einer hessischen Wandergruppe. Und möget ihr euch auch gegenseitig das Wort des Herrn mit dem Eifer läufiger Bereitschaftspolizisten in die elastischen Herzen spritzen, so ist es doch seit Jahr und Tag beschlossene geheime Reichssache, dass da ein Regen aus Geschmeiß auf euch und euer bei KiK gekauftes Schuhwerk herabkommen wird, der Kleinwuchs und Nagelbettentzündungen mit sich bringt …“
Während ich ihm zuhöre, lasse ich meinen Blick über die seligen Mienen der anderen schweifen und werde dabei derart sentimental, dass ich den Fehler begehe, Horsti, der mit einem Schmutzstarrenden Lappen gerade Streptokokken auf einem der Stehtische verteilt, nach einem Happen zu Essen zu fragen.
Er hält irritiert inne und sieht mich zweifelnd an.
„Falschen Hasen hätt ich da“, sagt er nach einigem Überlegen, wirkt dabei aber noch immer, als hätte ich ihm einen unanständigen Antrag gemacht.
Ich lasse mich dadurch nicht beirren und bestelle das Angebotene mit der Lässigkeit des ausgefuchsten Imbissbuden-Aficionados.
Keine fünfundvierzig Minuten später muss ich für diesen Leichtsinn einen hohen Tribut entrichten. Getreu dem Motto „wer bei Horsti etwas aus der Küche ordert, wird Sturm ernten“ bricht in meinem Verdauungstrakt ein Orkan los, der es nahe legt, nein, der es umgehend erforderlich macht, die Toilette aufzusuchen. Nun sind aber die sanitären Anlagen des Menopausen-Ecks in einem derart katastrophalen, ja bürgerkriegsähnlichen Zustand, dass sie – wenn überhaupt – nur zum Entleeren der Blase aufgesucht werden – wobei ausschließlich ins Wachbecken gepisst wird, da ein weiteres Vordringen in die Räumlichkeiten größte gesundheitliche Gefahren birgt. Profaner ausgedrückt: Wie gern wir uns alle hier auch versammeln, gekackt wird ausschließlich zuhause.
Bis zu meinem Zuhause schaffe ich es allerdings nicht mehr – das spüre ich mit aller Deutlichkeit. Also gehe ich in Gedanken die Liste der Anwesenden durch, überprüfe, ob einer meiner Zechkumpane vielleicht in erquicklicherer Nähe zur Pinte wohnt, bis mir erneut ein Laserschwert durch den Leib schneidet und ich diesen Plan verwerfen muss. Stattdessen nehme ich endlich die bittere Wahrheit zur Kenntnis, dass ein Entkommen hier und heute nicht mehr möglich ist. Die Zeit der billigen Ausreden ist vorbei, die Totenglocke hat geschlagen, die Posaunen des Himmels rufen zum letzten Gefecht. Und so erhebe ich mich wie ein Frontsoldat, dem nach stundenlangem Granatbeschuss der Gegenangriff befohlen wird, und schleppe mich mit dem Mut des Verzweifelten dem Grauen entgegen.
Schon ist die erste Tür aufgestoßen, dann passiere ich das von Kalk- und anderen Sedimentablagerungen überzogene Waschbecken, überlege kurz, ob ich mein Bedürfnis nicht einfach dort … Aber nein, der letzte Rest menschlichen Anstands ist stärker als die Furcht. Also weiter, nur weiter! Durch eine schaumige Pfütze aus der hier und da ein paar mit gelblichen Flechten bewachsene Inseln herausragen wate ich zur zweiten Tür. Ein Moment des Zögerns, ein letztes Innehalten, dann lässt mich der unstillbare Drang in meinen Eingeweiden auch diese Hürde nehmen. Ich drücke die mit einem benutzen Kondom überzogene Klinke hinunter und halte die Luft an. Dennoch raubt mir der süßliche, mit einer leichten Aceton-Note unterlegte Verwesungsgeruch augenblicklich den Atem. Nachdem ich Brechreiz und Hustenattacke einigermaßen unter Kontrolle gebracht habe, öffne ich vorsichtig die Augen und verschaffe mir einen ersten Überblick.
Linker Hand hängt – von einer letzten Schraube in einer bedenklichen Schräglage gehalten – ein rissiger, bis zum Rand mit Scherben und Kippen gefüllter Behälter, der einmal das Pissbecken dargestellt hat. Darüber ein handgeschriebenes Schild mit der vergilbten Aufschrift „Bitte nach Benutzung reichlich Nachspülen!“. Der Boden ist mit einer modrigen Schicht aus Klopapier und schwarzem Schimmel überzogen, von der aus ein halbes Dutzend Kakerlaken – groß wie ausgewachsene Eidechsen – träge zu mir heraufstarren. Warum sollten sich die Tiere auch fürchten?! Menschen haben sie schon lange nicht mehr gesehen.
Vor mir dann das Highlight, gewissermaßen der Altar in diesem Tempel der Schande: der Abort und die ihn umgebende Kabine. Die Reste der eingetretenen Tür geben den Blick auf einen Porzellankorpus frei, der derart mit Kot und Kotze verkrustet ist, dass er jeder menschlichen Beschreibung spottet. Besonders irritierend ist die Tatsache, dass sich eben diese Verkrustungen auf dem Deckel befinden. Das Tropfsteingebilde vermittelt den Eindruck, als ob sich im Sanitärbereich von Horstis Menopausen-Eck vor allem Höhlentrolle erleichtern würden. Ganz unmöglich, da auch nur einen Schritt näher heranzutreten. Undenkbar, im Angesicht dieser Barbarei überhaupt zur Sache zu kommen. Aber was tun?

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