MEIN SCHÖNSTES FORCE ATTACK (Auszug)

Gut, dass ich Mutti nie erzählt habe, dass ich vor einem halben Jahr den Führerschein abgeben musste. Es war auch so schon schwer genug, ihr den Wagen abzuschwatzen. Immerhin steckt sie mir zum Abschied noch einen Zwanziger zu. Dann gibt es eine nicht enden wollende Litanei unerbetener Ratschläge und die obligatorische Ermahnung, im Wagen ja nicht zu rauchen. Als ich außer Sichtweite bin, stecke ich mir erstmal eine an.
Dann sammle ich Unzucht und Missbrauch ein. Wie abgesprochen, haben die Beiden die Nahrungsbeschaffung übernommen: vier Paletten Hansa-Pils, drei Flaschen Küstennebel, zwei Dosen Bauerntopf. Perfekt!
Als mir Unzucht kurz hinter der Stadtgrenze ein Bier nach vorn reicht, muss ich nicht lange überlegen – der Lappen ist ja eh schon weg.
Bei einer derart professionellen Betreuung des Fahrers ist es kein Wunder, dass die Zeit nur so dahinfliegt. Zwar hat niemand daran gedacht, ein bisschen Musik mitzunehmen, aber da ist ja noch Muttis CD-Auswahl. Getreu dem Motto „was nicht gefällt, fliegt auf den Seitenstreifen“ unterziehen wir die Silberlinge einem schnellen Qualitätscheck. Leider überlebt den nur Gunter Gabriels 96er Album Dieselknecht. Und das auch nur, bis sich in Folge eines Bremsmanövers ein kurz zuvor geöffnetes Hansa über das Armaturenbrett ergießt. Der CD-Wechsler ist Geschichte. Die gute Stimmung zum Glück nicht. Wir singen einfach selber: „Fraggles das sind wir – tonnenweise Dosenbier“, „Komm ma lecker unten bei mich bei“ und andere Klassiker unserer nicht enden wollenden Jugend. Nebenher vertreiben wir uns die Zeit mit Dosenschießen und einem Spiel, das Missbrauch „Blasenschach“ getauft hat: Wer als erster um eine Piss-Pause nachsucht, muss an der nächsten Raststätte den Kleingeldteller der Reinigungskräfte in seinen Besitz bringen. Das bessert nicht nur die Reisekasse auf, sondern sorgt auch dann noch für Frohsinn, wenn das Unterfangen einmal nicht gelingt. In diesem Fall hat der Proband nämlich die nächste Haltmachende Busladung Senioren abzupassen und mit den Worten Rentnerhass! Rentnerhass! Wenn ihr ins Heim kommt, hab ich Spaß zu empfangen.
Leider gibt es irgendwann kaum noch Raststätten, während sich die Frequenz der durch den Harndrang hervorgerufenen Hilferuhe stetig erhöht, und so gestaltet sich das letzte Drittel der Reise etwas zäh. Aber dann schlafen meine beiden Gefährten nahezu zeitgleich ein, und wir kommen wieder schneller voran. Als wir schließlich Behnkenhagen erreichen, dämmert es bereits. Hohe Zeit, sich ins Getümmel zu stürzen. Ich steuere einen freien Flecken auf der Camping-Wiese an und stelle den Motor ab. Dann lasse ich meinen Blick durchs Fahrzeug wandern. Das Cockpit sieht schlimm aus – am Boden eine Pfütze, in der leere Dosen und Kippen herumschwimmen; in den Polstern Brandlöcher –, aber nicht so schlimm wie erwartet. Immerhin hat sich keiner erbrochen. Zumindest nicht ins Wageninnere.
Meine Versuche, Unzucht und Missbrauch zu wecken, scheitern kläglich. Also überlasse ich die Beiden ihrem Schicksal, stecke mir drei Hansa in die Jacke und mische mich unter die unüberschaubare Menge der Zerlumpten und Verlausten, die mit vibrierender Vorfreude dem eigentlichen Festival-Gelände entgegenströmt. Zum Zeltaufbau hätten Körper- und Geisteskraft heute ohnehin nicht mehr gereicht.
Ich werde vor die Haupttribüne gespült, auf der bereits munter musiziert wird. Der Name der Band, die sich da produziert, will sich mir allerdings nicht erschließen. Vor meinen Augen hängt ein Grauschleier und auch das Gehör funktioniert nur noch eingeschränkt. Gut möglich, dass ich bereits einen kleineren Schwips mein eigen nenne. Na, vielleicht weiß der Glatzkopf direkt vor mir Genaueres, der mit dem 88-Aufnäher auf der Kutte. Bei dieser Gelegenheit könnte ich mir gleich mal ’ne Kippe schnorren. Meine eigenen sind unerklärlicherweise verschwunden. 88? Was hieß das doch noch mal? Grüß Gott, wenn ich mich recht erinnere. Ich tippe dem Typen auf die Schulter und zeige fragend auf die brennende Zigarette, die er in der Rechten hält. Statt einer Antwort erhalte ich umgehend eine satte Dublette aufs Fressbrett. Hoppla, hätte nicht gedacht, dass diese Jesus-Freaks derart krass unterwegs sind. Aber das ist eben das Schöne am Punkrock: Auf nichts ist Verlass!
Jetzt muss ich nur zusehen, dass ich hier keine Wurzeln schlage. Mithilfe der frischen Wunde kann ich sicher ein Mädchen kennen lernen. Ich kämpfe mich zurück Richtung Zeltplatz und quatsche alles an, was zerrissene Netzstrumpfhosen und Minirock am Leib hat. Aber anscheinend bin ich mit meinen blutigen Lefzen nicht allzu gut zu verstehen. Mein Angebot, mich nach allen Regeln der Kunst zu verarzten, wird jedenfalls konsequent ignoriert. Da trifft es sich, dass ich in eine Gruppe Polen hineinstolpere. Mit denen kann ich mich ohnehin nur in Zeichensprache verständigen. Unter großen Gesten reicht mir einer aus der Schar der ehemals sozialistischen Waffenbrüder eine 1,5-Liter-Flasche mit klarer Flüssigkeit. Ich nehme dankend an. Eine kleine Stärkung kann gewiss nicht schaden, bevor ich meinen Charme wieder an die Girls verschwende...

Als ich in einem mir völlig fremden Zelt erwache, ereilen mich in kurzer Folge drei Gedanken. Erster Gedanke: Hier hat doch jemand hingeschissen. Zweiter Gedanke: Ist ja nicht mein Zelt, ha, ha. Dritter Gedanke: Aber dafür meine Springerstiefel!
Tatsächlich hat mir jemand amtlich aufs Schuhwerk gekackt. Gut, dass ich das nicht ausgezogen habe, sonst hätte ich die Soße jetzt an den Socken. Ich säubere das Leder so gut es geht mit dem Schlafsack, auf dem ich gelegen habe. Dann krabble ich ins Freie. Erstmal die anderen suchen.

zurück zum Seitenanfang